Der Fahrzeuginnenraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2014.

Wie rätselhaft unser Leben doch ist!

Und wie wertvoll sind doch die Momente, in denen wir der Lösung dieser Rätsel ein Stück näher kommen.

Am deutlichsten wird mir das immer im Alltag. Warum ist die Schlange, in der ich stehe, immer am langsamsten? Warum regnet es nie, wenn ich vorsichtshalber einen Schirm mitnehme? Und wenn ich keinen mitnehme – naja.

Also Fragen über Fragen. Aber Antworten? Wir sind auf Spekulationen angewiesen. Auf Mutmaßungen, zwischen denen sich irgendwo die Wahrheit versteckt.

So auch in diesem Fall:

Meine Frau parkt ihr Auto vor dem Haus. Keine große Sache, sind ja genügend Parkplätze da. Allerdings muss man dafür bezahlen, in München kostet alles was. Wem das Nachwerfen von Münzen in die Parkuhr lästig ist, der besorgt sich einen Anwohnerparkausweis. Das ist ein Stück Karton, den man hinter die Windschutzscheibe legt oder, wie in unserem Fall, in eine spezielle Klemmvorrichtung dortselbst steckt. Auf dass jedem mit einem Blick  offenbar werde, dass dieses Auto hier parken darf. Von wegen Jahresgebühr bezahlt und so.

Und dann kommen die Rätsel. Warum, fragt man sich, klemmt dieser Zettel hinter dem Scheibenwischer? 10 Euro? Mit Überweisungsfomular? Sollte mich nicht gerade davor der Anwohnerparkausweis bewahren?

Also: Nichts gezahlt und bösen Brief geschrieben. Warum bekomme ich ein Strafmandat, wenn ich doch den Parkausweis hinter der Scheibe habe?

Während der Wartezeit auf die Antwort versuche ich so etwas wie eine Tatortrekonstruktion. Dazu versetze ich mich in die Rolle der Politesse/ des Polit … wie heißt eigentlich das männliche Pendant?
Ich nähere mich also gemessenen Schrittes unserem Wagen. Der Gehsteig liegt beifahrerseitig.  Der Ausweis ist auf der Fahrerseite angebracht. Liegt hier möglicherweise eine Quelle von Missverständnis und Fehlurteil? Schwer zu glauben, denn trotz der konvex gebogenen Frontscheibe blitzt der orangefarbene Karton im Augenwinkel des Betrachters auf. Aber wie war das nochmal? In welchem Abstand zur Frontscheibe reicht mein Blickradius aus, um eine eventuell an der Fahrerseite angebrachte Parkerlaubnis zu erkennen? Gibts da nicht irgend eine Formel? Keine Ahnung. Aber wenn ich mich nicht gerade in 20 cm Abstand zur Scheibe befinde, sehe ich immer noch den Ausweis.

Wie also soll man sich das Übersehen des korrekt angebrachten Anwohnerausweises erklären?

Ich spiele verschiedene Varianten durch. Dichter Nebel in Höhe der Außenspiegel. Plötzlich einsetzender Schneefall auf der Fahrerseite. Windschutzscheibenblitzeisattacke. Partielle Sonnenfinsternis, die Fahrerseite betreffend.

Alles unbefriedigend. Ich bin ratlos.

Dann kommt das Schreiben vom Kreisverwaltungsreferat. Und alles wird klar:

pkvr

 

Die ersten beiden Absätze bitte ich dabei nicht zu beachten. Die gehen davon aus, dass der Parkausweis nicht im Auto war, also von der/ dem Polit … nicht gesehen werden konnte.

Nein, des Rätsels Lösung ist der letzte Absatz.

Trotz intensiver Kontrolle des Fahrzeuginnenraumes … ja mei.

Liebe Politesse/ lieber Polit …,
liebe Außendienstkraft,

bitte suche doch nicht den gesamten Fahrzeuginnenraum nach der Parklizenz ab. Die steckt doch ganz vorn, unmittelbar hinter der Frontscheibe!  Was da Zeit drauf geht, wenn du den gesamten Fahrzeuginnenraum absuchst, ja Wahnsinn!

Aber wenigstens verstehe ich jetzt, wie so was passieren kann. Du klemmst die Parklizenz hinter die Frontscheibe und die Außendienstkraft sucht den ganzen Fahrzeuginnenraum ab, verliert sich dort in den unendlichen Weiten.
Naja, irren ist menschlich. Und das Ordnungswidrigkeitsverfahren wurde auch eingestellt.

Unser Leben ist rätselhaft. Fragen über Fragen. Und die Antworten? Spekulationen!

Leider auch in diesem Fall. Denn trotz der offenbar eindeutigen Sachlage bin ich mir immer noch nicht so ganz sicher, ob ich wirklich die Wahrheit kenne. Warum nicht?

Schuld an diesem Zweifel ist Saliya Kahawatte.

Saliya Kahawatte (Bildquelle: ZDF/ Anabel Münstermann)

Saliya Kahawatte
(Bildquelle: ZDF/ Anabel Münstermann)

Er verlor mit 15 Jahren sein Sehvermögen, hielt dies aber 18 Jahre lang geheim. In dieser Zeit wurde er Barmixer und stieg bis zum Restaurantchef auf.

Sein ergreifendes Schicksal muss kein Einzelfall sein, denke ich mir. Warum soll nicht durch unsere Straßen Zenzi Wurmdobler (resp. Alois  Windgruber) tappen, in der Hand einen Strafzettelblock, auf der Schulter eine Politessentresse. In Diensten der Stadt München, auf der Suche nach Falschparkern.
Verbeamtet, motiviert, aber heimlich blind.

Unser Leben ist voller Rätsel.

Kommen wir ihrer Lösung nahe, so verharren wir ergriffen, vor allem wenn sich menschliche Schicksale dabei offenbaren.

Peter Teuschel

 

P.S. Vielleicht ist es jetzt auch mal an der Zeit,  der deutschen Sprache zu danken für Begriffe wie:

Anwohnerparkausweis

Windschutzscheibe

Klemmvorrichtung

Überweisungsfomular

Tatortrekonstruktion

Kreisverwaltungsreferat

Fahrzeuginnenraum

Ordnungswidrigkeitsverfahren

Von Strafzettelblock, Windschutzscheibenblitzeisattacke und Politessentresse will ich jetzt mal nicht reden, das sind fiese Neologismen von mir.

8 Responses
  1. Bei dem von Ihnen geschilderten Fall handelt es sich wahrscheinlich um die so genannte zeitweise auftretende Blindheit ( nicht zu verwechseln mit der partiellen Blindheit, die manchen in den Strafverfolgungsbehörden auf dem RECHTEN Auge erblinden lässt ), also hier die Erklärung: Die Angestellten gehen nicht mehr raus um die tatsächlich anfallende Arbeit zu erledigen, sondern um ein von oben vorgegebenes Pensum zu erfüllen. Wenn aber dann zu wenige Autos falsch parken, entsteht Angst die erforderlichen Aktenzeichen nicht zu erreichen, dann steigt der Blutdruck, mit ihm auch der Augeninnendruck, was eben zu Blindheit führen kann. Es ist also eine typische Krankheit der leistungorientieren Profitgesellschaft. Immermehrimmermehr….
    So ist das wohl, könnte ich mir laienhaft vorstellen.
    Den blinden Barkeeper find` ich witzig. Und keiner hat´s gemerkt, wer da wohl wirklich blind war?
    Erinnert ein bissi an ein Buch meines Lieblingsschrifstellers Max Frisch:
    “Sein Name sei Gantenbein”
    Und übrigens; interessanter als der Fahrzeuginnenraum ist der Menscheninnenraum, der Seeleninnenraum.

    • Eine Parklizenz im Seeleninnenraum ist ein interessantes Bild. Die Abhandlung zur Entstehung der zeitweise auftretenden Blindheit scheint mir medizinisch korrekt. Und der Gantenbein! Wann liest man das? Neunte? Zehnte? Vielleicht kann uns das frauhilde sagen (frauhilde.wordpress.com)?

  2. Da sieht man’s wieder: Ärzte verdienen so viel, dass sie sich so riesige Autos leisten können, dass ein Parkwächter es nicht schafft, innerhalb einer Schicht den sichtbaren Teil des Innenraums nach einem Parkschein abzusuchen und nach Stunden aufgeben muss 😉

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