Das Märchen von der alten Kette aus kaltem Gold

Am Rande der großen Stadt lebten einmal eine Frau und ein Mann. Schon viele Jahre lang lebten sie zusammen und hatten ihre Freude aneinander. So gingen die Jahre ins Land und die Frau wurde älter und der Mann wurde auch älter, aber was nicht älter wurde, war ihre Liebe. Geld hatten sie keines, aber sie hatten ihr Auskommen und sie waren´s zufrieden.

Nun trug es sich zu, dass der Mann krank wurde. Aber er versuchte es vor seiner Frau zu verbergen, weil er sie nicht ängstigen wollte. Die Frau aber kannte den Mann zu gut und so konnte er es nicht lange vor ihr verstecken.

Also gingen sie zu einem Arzt, der den Mann untersuchte. Aber der Arzt konnte dem Mann nicht helfen und wollte ihn in ein Krankenhaus in der großen Stadt schicken. Dorthin aber getraute der Mann sich nicht zu gehen, weil er große Sorge hatte, dass er mit den anderen Männern, die alle zusammen in einem Krankenzimmer lagen, nicht zurecht käme. Denn der Mann war es nicht gewohnt, das Zimmer mit anderen Männern zu teilen.

Und so wurde er immer kränker und die Frau war voller Sorge um den Mann.

Nun hatte die Frau aber ein kleines Kästchen, das sie unter ihrem Bett verbarg. In dem Kästchen war eine alte Kette aus kaltem Gold, die hatte die Urgroßmutter der Großmutter und die Großmutter der Mutter und die Mutter der Frau vermacht. Die Frau aber hatte keine Tochter, der sie die Kette hätte vermachen können.

Also sprach sie zu ihrem Mann: Höre Liebster, was soll die Kette in dem Kästchen liegen und du wirst kränker und kränker. Ich werde gehen und die Kette zum Pfandleiher tragen, dann haben wir so viel Gold, dass du alleine in einem Zimmer im Krankenhaus in der großen Stadt liegen kannst.

Aber der Mann schalt die Frau eine Törin, dass sie das Erbe von Urgroßmutter und Großmutter und Mutter weggeben wollte für das Krankenzimmer.

Also wartete die Frau, bis der Mann eingeschlafen war und dann nahm sie das Kästchen mit der Kette und trug es zum Pfandleiher. Und als er ihr so viele Goldstücke dafür gab, dass sie ihrem Mann das Krankenzimmer zahlen konnte, da nahm sie die Kette noch einmal in die Hände und sprach:
„Liebe Urgroßmutter, liebe Großmutter, liebe Mutter, ich danke euch dafür, dass ihr mir diese Kette vermacht habt. Diese alte Kette aus kaltem Gold gebe ich jetzt weg, um meinem Mann zu helfen, dessen Hände so warm sind.“

Und so nahm sie das Gold des Pfandleihers und eilte nach Hause zu ihrem Mann. Den anderen Tag aber ging der Mann in das Krankenhaus und die Frau war voll Sorge und voll Hoffnung.

 

An solchen Tagen, seltenen Tagen, warte ich ein paar Minuten, nachdem die Patientin das Zimmer verlassen hat. Ich denke mir, dass vielleicht die Luft noch ein wenig vibriert von diesen Worten, dass die Essenz des Märchens in die Wände einzieht, in den Schreibtisch, in das Licht.
Und ich merke, dass ich vor dem nächsten Patienten unbedingt einen Kaffee brauche.

 

Peter Teuschel

7 Responses
  1. „Dorthin aber getraute der Mann sich nicht zu gehen, weil er große Sorge hatte, dass er mit den anderen Männern, die alle zusammen in einem Krankenzimmer lagen, nicht zurecht käme. Denn der Mann war es nicht gewohnt, das Zimmer mit anderen Männern zu teilen.

    Und so wurde er immer kränker und die Frau war voller Sorge um den Mann.“

    Ist das zynisch, wenn ich denke, dass der Leidensdruck aus der (körperlichen) Krankheit des Mannes noch nicht hoch genug war, dass er das (kleinere) Übel Mehrbettzimmer im Krankenhaus einzugehen bereit war?

    Wäre es dann nicht naheliegender gewesen mit dem Mann über seine Bedenken und Sorgen hinsichtlich des Mehrbettzimmers zu sprechen? Ich weiß, dass so ein Zimmer mit mehreren Personen teilen zu müssen und fast keine Privatsphäre zu haben, sehr unangenehm ist (steht und fällt auch mit den Mitpatienten); aber wenn das eigene Leben bzw. die eigene Gesundheit auf dem Spiel steht? Könnte man ja auch als Herausforderung („unfreiwillige Konfrontationstherapie“) für sich betrachten.

    Von dem Erlös aus der Verpfändung hätten sie sich nach der (erfolgreichen) Behandlung immer noch etwas für sich leisten können. Oder falls teure Nachbehandlungen notwendig werden sollten, wäre es auch taktisch klüger gewesen etwas Rücklagen dafür zu haben. Jetzt ist das Geld für etwas Nebensächliches verbraucht. Zwar war es von der Frau gut und liebevoll gemeint, aber ökonomisch war es nicht.

    • Nein, es ist nicht zynisch, so zu denken. Sie haben Recht – von einem rationalen Standpunkt aus.
      Aber viele Menschen handeln nicht rational. Selbst im Angesicht des Todes ist vielen manches wichtiger als das eigene (Über)leben. Die Frau kannte ihren Mann sehr gut. Er wäre nicht ins Mehrbettzimmer gegangen. Niemals.
      Das Respektieren irrationaler Entscheidungen ist für mich ein sehr schwieriger Lernprozess gewesen. In der Medizin ist vieles unheilbar. Dazu gehören immer wieder auch Einstellungen, die das Leben kosten können.

  2. Danke für Ihre Antwort.
    Ok unter der Prämisse, dass der Mann andernfalls auch um den Preis seines Todes nicht ins Krankenhaus gegangen wäre, war das Handeln der Frau doch klug und geboten. Das leuchtet mir dann auch ein.

    In der Realität ohne solche unumstößlichen simplen Sachverhaltsvorgaben, finde ich es allerdings tatsächlich bedeutend schwerer solche irrationalen Entscheidungen zu respektieren. Jedenfalls wenn ich davon mitbetroffen wäre oder an der Person hängen würde. Andererseits haben Sie wiederum recht damit, dass es die Sache der Person selbst ist, wie sie entscheidet – egal, ob diese Beweggründe für Außenstehende nachvollziehbar sind oder nicht. Werde das im Hinterkopf behalten.

  3. Zu dumm. Ich zahle mittlerweile jeden Monat so eine kleine Goldkette an einen modernen Pfandleiher, nur damit ich später vielleicht mal ein Einzelzimmer habe …
    Und meine Mutter starb einsam in so einem Einzelzimmer, auch weil kein Bettnachbar da war, der den Herzstillstand hätte bemerken können

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