Buchbesprechung: Profiler und Co.

Bei meinem faible für die Forensik kann ich mir natürlich einen Titel nicht entgehen lassen, bei dem es um Kriminalpsychologie aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel geht:

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Erschienen ist das Buch in der Reihe „Gehirn und Geist“, einer Kooperation des Schattauer Verlages mit „Spektrum der Wissenschaft“. Ich schätze diese Reihe sehr, weil ich glaube, dass gut und verdaulich aufbereitete Forschung wichtig ist, um die Kluft zwichen Wissenschaftlern und Laien zu schließen.

Was bietet das Buch?
Grob gegliedert ist es in die Teile

  • Verbrechen aufklären
  • Tatmotive und Täterprofile
  • Ursachen von Gewalt
  • Recht sprechen

Die Herausgeberin Christiane Gelitz hat es verstanden, Ihren Autoren weitgehend Freiheit im Aufbau der Texte einzuräumen, gewährleistet dabei aber eine einheitliche Linie. Die einzelnen Beiträge sind allesamt nicht sehr lang und lassen sich so in einem Schwung durchlesen.

Im ersten Teil des Buches erfahren wir etwas über die „19 Zeichen der Wahrheit“, also über Glaubhaftigkeitsbeurteilungen. Dass falsche Geständnisse unter dem Druck harter und überlanger Verhörmethoden auftreten können, überrascht vielleicht noch nicht einmal, aber dass es Computerprogramme gibt, die auf die Aufklärung von Verbrechen spezialisiert sind, war mir neu. Als Test musste die Künstliche Intelligenz Kriminalfälle von Agatha Christies Hercule Poirot lösen!

Der zweite Teil spannt einen weiten Bogen von Täterprofilen aus dem terroristischen Umfeld über die bedrückenden Beschreibungen von Krankenschwestern und- pflegern, die ihre Patienten töten bis hin zur Psychologie von Steuerhinterziehungen(!). Das Kapitel „Der Krieger in uns“ stellt die Frage, ob und inwieweit die „Lust am Töten“ in uns allen schlummern könnte.

Über die Ursachen von Gewalt erfahren wir etwas im dritten Teil. Dabei wird auf die Neurobiologie von Gewalttätern wie auch auf die Verbindung von Alkohol und Gewalt eingegangen. Die berühmte Streitfrage, ob der Konsum von Pornos zu sexueller Gewalt bei Männern führt, wird ebenfalls diskutiert.

Sehr spannend auch die Ausführungen im letzten Teil des Buches. „Urteil mit Schlagseite“ handelt von den unbewussten Einflüssen, denen Richter bei ihrer Tätigkeit ausgesetzt sind. Wussten Sie, dass hungrige und müde Richter härtere Urteile fällen als satte und ausgeschlafene? Und wird in der Rückfallbeurteilung pädophiler Straftäter in Zukunft die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) eine Rolle spielen?

Alles in allem präsentiert „Profiler & Co“ einen sehr guten Querschnitt durch die Kriminalpsychologie und spannt den Bogen von Bewährtem zu Neuem und Spekulativem.
Wer sich allerdings reisserische Geschichten erwartet, wird enttäuscht sein. Das Buch ist sachlich geschrieben und bei aller darin vorkommender Gewalt daran ausgerichtet, Informationen zu vermitteln, weswegen auf Schockeffekte verzichtet wird.

Die Lektüre sei jedem angeraten, der sich für Kriminologie interessiert.

 

Peter Teuschel

 

Gelitz

Profiler & Co
Kriminalpsychologen auf den Spuren des Verbrechens

Gehirn&Geist
2013. 172 Seiten, 16 Abb., kart.
D: € 19,99
A: € 20,60

ISBN: 
978-3-7945-2962-9 (Print) 
978-3-7945-6784-3 (eBook PDF)

 

3 Responses
  1. Interessiert mich sehr, danke für den Tipp, werd` ich mir kaufen das Buch.
    Wenn die künstliche Intelligenz Verbrechen klären sollte, stieße sie wohl bald an ihre Grenzen, denn Logarithmen und all die anderen Rechenarten und Programme kämen nicht auf den Schluss den Hannah Arendt schon vor Jahrzehnten zog: das Böse ist oft banal ! Ihr Satz zum Eichmann Prozess wird mir ewig im Ohr klingen: “ Der Mann hat nichts anderes verdient als den Tod, ohne Zweifel, aber er ist ein Hanswurst !”
    Ist es grob anders mit dem NSU Trio ?, kann man für eine blasiert auftretende, ruchlose, reuelose, skrupellose Beate Zhäpe ( oder wie auch immer man den seltsamen Namen schreibt, ich will es gar nicht wissen ) ein anders Wort finden als Hanswürstin ?, vielleicht Beatewurst, Aber dann Ende. Nichts mehr.
    Wer sich ebenfalls gerne und intensiv mit dem Thema Schuld und Sühne auseinandersetzt dem möchte ich die Bücher von Ferdinand von Schirach ans Herz legen, vor Allem das Buch “Verbrechen” ist nicht nur inhaltlich interessant sondern auch literarisch sehr wertvoll, wie ich meine.

    • Die Banalität des Bösen ist ein faszinierendes Thema. Interessanterweise neigen viele Menschen dazu, das Böse aufzuwerten, indem sie ihm eine diabolische Dimension zugestehen. Dass der Bösewicht wirklich ein „Wicht“ ist, oder wie Sie schreiben, ein Hanswurst, ist da ja fast schon ein Sakrileg.
      Schirach ist da eine gute Assoziation. Bei ihm dürfen wirklich auch die Hanswurste ran. Die Unbeholfenheit seiner Täter hat da ja fast etwas Groteskes.
      Literarisch wertvoll? Mag sein, aber seine Geschichten haben alle eine Temperatur so um die 5 Grad Celsius. Das geht gut für ein oder zwei Bücher, aber auf Dauer wäre mir das zu kühl.

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