Buchbesprechung: „Geniale Störung“ von Steve Silberman

Steve Silberman hat mit „Geniale Störung“ ein voluminöses Buch über den Autismus geschrieben. In der deutschen Ausgabe (Dumont-Buchverlag) spricht der Untertitel von der „geheimen Geschichte“ des Autismus, auf dem rückseitigen Umschlag erfahren wir gar, dass diese „von Ärzten unter Verschluss gehalten“ wurde.

Solchermaßen eingestimmt auf eine veritable medizinhistorische Verschwörungstheorie habe ich als Psychiater das dicke Werk mit einiger Skepsis aufgeschlagen. Erfreulicherweise bestätigt sich dieser erste Eindruck nicht.

Im Vorwort von Oliver Sacks gibt es eine erste Erklärung für den Umfang des Buches. Silberman habe „ungeheuer viel recherchiert und (…) so detailliert beleuchtet wie niemand zuvor“.

Diese beiden Aspekte, eine schier unglaubliche Detailfülle und eine ausgesprochene Schreiblust mit dem Ziel, historische Personen leicht lesbar zum Leben zu erwecken, charakterisieren das Buch.

Streng genommen ist es eine Geschichte der Forscher und Entdecker, die wir heute in den verschiedenen Diagnosen des Autismus-Spektrums wiederfinden. Wir lesen über Kanner und Asperger und staunen, welche Details und geschichtlichen Bezüge Silberman in seinen sehr lebendig erzählten „wahren Geschichten“ aufbietet. Seine Protagonisten sind allesamt sehr „amerikanisch“ geschildert, was das Buch teilweise wie Fiktion erscheinen lässt, ein Umstand, den ich eher als positiv erlebt habe, weil es dadurch leicht lesbar ist.

Silberman lässt nichts aus, weder „Star Trek“ noch „Dr. Who“, weder Sigmund Freud noch den unsäglichen Andrew Wakefield, der mit seiner gefälschten Studie über den Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus für große Unsicherheit gesorgt hat.

Die Hauptpersonen des Werkes sind natürlich die Autisten. Wie die ganze Aufmachung des Buches und sein Titel schon vermuten lassen, hat Silberman eine überaus wohlwollende Einstellung zu den Menschen, deren „Andersartigkeit“ er beschreibt.

Der Tenor des Buches ist einerseits sympathisch, geht er doch weg von etikettierenden Diagnosen und hin zu einer Sichtweise, die „anders Sein“ nicht von vornherein als krankhaft definiert. Andererseits habe ich mich einige Male gefragt, wie ich die Präsentation der autistischen Menschen in „Geniale Störung“ mit meiner Erfahrung meiner eigenen Patienten mit Asperger-Syndrom zur Deckung bringen soll.

Auf S. 455 lesen wir über eine Familie, die Oliver Sacks kennen gelernt hatte und in der zwei autistische Söhne lebten. Diese Familie B. war zu der Einsicht gelangt, dass man ihren Autismus „nicht nur als pathologischen Zustand sehen (…), sondern darüber hinaus als ein ganz eigenes Sein, als vollkommen andere Lebensart oder Identität betrachten müsse (…)“. Ähnliche Aussagen kenne ich von Gesprächen mit vielen Menschen, die Diagnosen bekommen haben, allen voran Frauen und Männer mit ADHS.

Es ist faszinierend, (würde Mr. Spock) sagen, wie logisch und stimmig die Aussagen von Patienten mit Asperger-Syndrom oder hochfunktionalem Autismus oft sind und meine Gespräche mit meinen Asperger-Patienten sind in der Tat auch oft sehr wohltuend und klar. Auf der anderen Seite haben alle diese Patienten zum Teil ganz erhebliche Probleme in ihrem privaten und vor allem beruflichen Umfeld.

Ganz abgesehen davon, dass viele Menschen mit schwereren autistischen Störungen nicht im Ansatz in der Lage sind, ein selbstständiges Leben zu führen, so scheitern oft auch die besser funktionierenden und sicherlich im Einzelfall als „genial“ zu bezeichnenden Asperger-Frauen und -Männer nicht selten an einer Welt, die auf sie keine Rücksicht nimmt.

Ich sehe es wie Silberman, es wäre schön, wenn wir die Einzigartigkeit der Menschen in ihrer Vielfalt mit großer Toleranz und Mitmenschlichkeit annehmen könnten, aber ich sehe auch in meiner täglichen Arbeit, woran das scheitert: Die Welt ist eben nicht das Arztzimmer des aufgeschlossenen Psychiaters mit weitem Horizont, sondern eine auf Funktionieren nach bestimmten sozialen, oft nonverbal vermittelten, Regeln aufgebaute Umgebung, die weder logisch noch gerecht noch leicht durchschaubar ist.

Als Plädoyer für eine „bessere Welt“ habe ich Steve Silbermans „Geniale Störung“ sehr geschätzt, als minutiöse Darstellung der Geschichte des Autismus halte ich das Buch für grandios und als Mensch, der seine Zeit nicht nur zum Lesen zur Verfügung hat, empfinde ich es als gnadenlos zu lang. Insofern kann ich es allen empfehlen, die sich für das Thema Autismus, für medizinische Ethik und Historie interessieren und dabei über viel Zeit und Muße verfügen.

Peter Teuschel

 

Der Artikel ist zuerst erschienen auf DocCheck.com.

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