Begleiter des Todes, Begleiter des Lebens

Viele Psychotherapie-Patienten kommen mit dem Wunsch, durch die Behandlung besser mit dem Leben zurecht zu kommen. Sie wollen widerstandsfähiger werden, robuster, resilienter.
In den ersten 10, 20 Stunden wird dann deutlich, dass sie wenig von sich halten, sich wertlos fühlen, sich ständig mit anderen vergleichen.

„So kann es nicht weitergehen“ ist einer der häufigsten Sätze, die ich in dieser Phase höre.

Aber wie soll es dann weitergehen? Bei vielen wird der Wunsch deutlich, auch so zu werden wie die anderen, die Tollen, die Erfolgreichen, diejenigen, denen alles leicht von der Hand geht.

Noch härter an sich arbeiten, stärker werden, reich, erfolgreich, angstfrei.

Das ist das, was unsere Zeit als Verlockung anzubieten hat: Stärke, Macht, Geld, Erfolg.

Manchmal komme ich mir deshalb richtig altmodisch vor, wenn ich darauf hinweise, dass diese Dinge, so angenehm sie auch sein mögen, uns auch von unserer menschlichen Natur ablenken können. Uns vom Wege abbringen und in die Irre führen, anstatt zu uns selbst.

Denn es geht gar nicht darum, immer stärker zu werden. Es geht darum, immer menschlicher zu werden. Und Menschen sind nicht stark, sondern schwach. Wir machen Fehler, wir zweifeln an uns, sind unsicher und voller Angst. Wir fragen uns, was richtig und was falsch ist.
Wir wären gerne unberührbar und sind doch so verletzlich.

Sich das einzugestehen und sich so anzunehmen – ist das nicht die wahre Stärke?

Der Mensch 
tritt ins Leben weich und schwach, 
er stirbt hart und stark.

Alle Wesen 
treten ins Leben weich und zart, 
sie sterben trocken und dürr.

Little girl playing with autumn leaves

Darum: 
Das Harte und Starke ist Begleiter des Todes, 
das Weiche und Schwache ist Begleiter des Lebens.

Daher: 
Ist ein Kriegsheer stark, 
dann siegt es nicht. 
Ist ein Baum stark, dann ist er am Fall.

Das Starke und Große bleibt unten, 
das Weiche und Schwache bleibt oben. 

(Laotse: Tao te king)

Peter Teuschel

Bild:© sborisov – Fotolia.com

 

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18 Responses
  1. Ist es altmodisch, den Pol des einfachen Seins, des Sich-genug-Seins zu erinnern?
    Ich denke, es ist hoch an der Zeit in unserer Gesellschaft! Ein Therapeut, der diese Seite wertschätzt und nicht am Leistungshamsterrad dreht, ist alles andere als altmodisch! Er ist verwurzelt.

    • Ich denke, dass mein Gefühl, altmodisch zu sein, nur zeigt, wie sehr dieser Optimierungswahnsinn unser Bewusstsein bereits beeinflusst. Das heißt, dass wir eben so bewusst und eben gezielt gegensteuern müssen.

  2. Ihr Artikel kam ja genau richtig zum 14. Oktober…

    Vorhin hörte ich zufällig im Autoradio den Münchner Sender Top FM, der sich heute dem „Stell dich deinen Ängsten“-Tag widmet (war mir neu, dass es diesen Tag gibt, schon seit 1999).

    Ich hörte ein bisschen zu, nur leider war der Tenor eher der, dass wir uns auch hier optimieren sollten: jede Angst kann und muss überwunden werden, was auch klappt, wenn man sich nur richtig anstellt, es wirklich will, sich die passende Hilfe holt und entsprechend an sich arbeitet.

    Und im Umkehrschluss hat man, wenn man kneift und sich einer Angst weder stellt, noch sie überwindet, ja schon wieder ein Stück weit versagt (naja, Burnout ist vielleicht ein Schlupfloch: vor lauter Leistung(sdruck) zusammengeklappt, das ist gerade noch erlaubt.)

    Wie Sie sagten: schwach und ängstlich sein ist ein Makel und mit den Werten unserer Zeit kaum vereinbar.
    Bleiben Sie weiterhin „altmodisch“ und reden Sie den Menschen diesen Unsinn aus. Top FM habe ich für heute durch eine Musik-CD ersetzt!

    • Oha, das wusste ich auch nicht, dass es so einen Tag gibt. Ängste von Krankheitswert sollte man natürlich behandeln und auf ein „normales“ Maß reduzieren. Aber die Angst als solche können wir sicher nicht in den Griff bekommen, die begleitet unser Leben. Und ohne diese Angst gäbe es ja auch keinen Mut, weil dann keiner mehr nötig wäre. Wäre ja auch wieder schade. Mut ist so was schönes. 🙂

      • osterhasebiene langnase Antworten

        Mutig ist nur der, der es wagt, selbst(ständig) zu denken. Na ja, das hat auch Kant schon herausgrfunden:“Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag.

    Wobei man ja auch nicht vergessen darf: Auch die vermeintlich „Erfolgreichen“ haben einen Schatten … er wird nur gerne verheimlicht.

    Sie schreiben: „Wir wären gerne unberührbar und sind doch so verletzlich“.

    Ja, wir sind verletzliche Wesen – und dies ist zugleich eine Stärke. Es gibt einen wunderbaren Vortrag von Brenne Brown dazu: „Die Macht der Verletzlichkeit“. Sie ist Forscherin und Storyteller zugleich und sie ruft dazu auf, aus vollem Herzen ein unvollkommenes Leben zu führen.

    Falls daran Interesse besteht – es lohnt sich! (20 Min)
    http://www.ted.com/talks/brene_brown_on_vulnerability?language=de#t-558623

  4. Tja,

    lieber Herr Teuschel,

    da schlagen wir Psychos uns immer wieder mit den gleichen Problemen herum.

    Unsereiner fragt den Patienten dann oft (wenn er nicht mehr ganz jugendlich ist), ob er sich noch an die „Mein Haus – Mein Auto – Mein Boot“-Werbung von der Sparkasse erinnern kann. Die Werbung hat wirklich Eindruck gemacht, denn jeder, der dazumals bereits bewußt geglotzt hat, kann sich daran erinnern.

    Dann frage ich mein Gegenüber (falls ohne höheren Bildungsabschluß), ob er weiß, was grammatikalisch ein Komparativ ist, und ggf. erkläre ich das gleich mit „größer, schneller, schöner“.

    Als nächstes konstatiere ich, daß es mir vollkommen wurscht ist, ob mein vis-a-vis ein religiöser Mensch oder nicht ist, frage, ob der folgende Text bekannt ist – und öffne im Internet den Dekalog. Und siehe da: fast jeder kennt die Zehn Gebote.

    Weiter mit meiner Inquisition: „Ob Sie religiös sind oder nicht: das sind ganz archaische Regeln für ein zufriedenes Leben, sozusagen ein Streßvermeidungsprogramm. Finden Sie darin einen einzigen Komparativ?“ – In der Regel wird der Text nochmal überflogen, und es kommt ein – oft erstauntes – „Nein“!

    „Sehen Sie, Moses kam mit dem Programm für ein zufriedenes Leben den Berg herunter, während die ‚Mein Haus – Mein Auto – Mein Boot‘-Komparativ-Typen ums Goldene Kalb tanzten. Das Irre ist: die Zeiten haben sich offenkundig nicht geändert – oder?“

    Und im Antlitz meines Gegenüber blitzt dann gelegentlich ein erstaunt-verständnisvolles Lächeln auf. – Wie nachhaltig der Aha-Effekt ist, weiß ich allerdings nicht.

    Viele Grüße

    Ihr Christian Nunhofer

    blog.krankes-gesundheitssystem.com

  5. Sicher ein guter Rat für Leute, die auf hohem Niveau jammern oder sich die Ideale anderer zueigen gemacht haben, was “man” angeblich alles haben muss.

    Aber als Trost für andere, die wirklich Pech hatten? Freiwilliger Verzicht aus spirituellen Gründen und erzwungener Verzicht sind zwei verschiedene Baustellen, kann man nicht vergleichen. Ich fühle mich schnell verschaukelt, wenn mir andere erzählen, dass ich XYZ doch gar nicht brauche, wenn sie selbst mit XYZ eine tolle Zeit hatten. Naja, vielleicht haben es diejenigen einfach zu plump angestellt.

  6. osterhasebiene langnase Antworten

    Das Tao te king, das Buch vom Sinn und Leben sagt es. Das Kampf-Amazonen-Dasein ist nicht meine wahre Natur. Ich möchte alle Menschen ermutigen, nachsichtig mit sich und anderen zu sein. Legt die Waffen nieder und fragt, um was es wirklich geht! Wir haben alle Schuld (am Zustand der Welt) und sind alle nur Menschen. Der Schein trügt, das Materielle/das Äußere macht nicht glücklich, das Glück kann nur im Inneren erschlossen werden. Diese Erkenntnis ist nicht theoretischer Natur, sondern beruht auf echter Erfahrung.

  7. Dem kann und möchte ich mich anschließen, ebenfalls beruhend auf echten, teils traurigen und schmerzlichen Erfahrungen. Es ist sehr einfach Schuld immer auf andere zu projezieren, nur wenn man für sich und für innen etwas gewinnen will, bringt das, glaube ich, nix.
    Guter Beitrag Osterbiene ( Ich bin mal so frech und kürze ab )

  8. Die Frage nach der Schuld für eine Misere ist uns allen sehr vertraut, wir kriegen sie seit der Kindheit beigebracht, allerdings – sie hilft nicht weiter. Was Zeit vergeudet wird mit der Diskussion der Schuldfrage für irgendwelche Probleme, anstatt sich der Frage zu stellen, wie die Misere mit möglichst wenigen blauen Flecken auf der Seele für alle bewältigt werden kann. Meinen Patienten sage ich oft genug sinngemäß: Die Frage nach der Schuld gehört höchstens vor ein Gericht im Strafgerichtsprozeß, und selbst dort ist die Lösung oft recht unbefriedigend.“

    Interessant ist, daß das Thema „Schuld“ selbst bei uns im traditionell katholisch geprägten Bayern so präsent ist in den Hirnen der Menschen. Die kleinen Katholiken lernen vor der ersten Beichte, daß es eine Sündenvergebung (= Loslösung von der Schuld!) nur gibt bei echter Reue, und Reue ist nichts anderes als der Vorsatz, die Wiederholung des „Delikts“ zu vermeiden, also ein nach vorne gerichteter mentaler Akt. In seiner ganzen Dimension kommt das Thema allerdings in den wenigsten Hirnen an: Das Thema Schuld und Schuldzuweisung dominiert das Denken – nicht, wie läßt sich eine Wiederholung vermeiden.
    .

    • osterhasebiene langnase Antworten

      Danke, Herr Nunhofer, das könnte man nicht besser formulieren. Welch wahren Worte aus der Feder eines Psychotherapeuten und Psychiaters.

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