AU ab dem ersten Krankheitstag: Zweischneidige Entscheidung

Das heutige Urteil des Bundesarbeitsgerichtes bestätigte nur bereits geltendes Recht:

In der Regel gilt bei einer Erkrankung, dass eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) des Arztes nach drei Tagen, also am vierten Tag der Erkrankung, dem Arbeitgeber vorgelegt werden muss.

Aber: der Arbeitgeber hat das Recht, eine andere Regelung zu treffen, nach der ein erkrankter Mitarbeiter die AU zum Beispiel schon am ersten Tag des Fernbleibens vom Arbeitsplatz vorlegen muss.

Die Klage vor dem BAG war von der Klägerin damit begründet worden, dass sie als einzige Mitarbeiterin in diesem Unternehmen von dieser Regelung betroffen sei. Dies sah sie als Beleg dafür an, dass sie durch diese Maßnahme diszipliniert werden solle.

Das Gericht konnte dieser Ansicht nicht folgen. Es betonte, dass der Arbeitgeber die Vorlage der AU bereits am ersten Tag der Erkrankung ohne Angabe von Gründen verlangen darf.

Dies ist jetzt wieder so eine Entscheidung, bei der es sehr darauf ankommt, von welcher Warte aus man sie betrachtet. Für Arbeitgeber, die häufiges „Blaumachen“ einzelner Mitarbeiter erschweren wollen, ist sie sicherlich zu begrüßen.

Aus meiner Sicht als Facharzt, der sehr viel mit Mobbing und anderen Konflikten am Arbeitsplatz beschäftigt ist, hat dadurch ein schikanöser Arbeitgeber aber auch eine weitere Waffe in der Hand, um  unliebsame Mitarbeiter zu drangsalieren.

Gerade in solchen Fällen werden ja alle Möglichkeiten dienstlicher Anweisungen (täglicher Rapport, Genehmigungspflicht für alle Bewegungen auf und aus dem Firmengelände usw.), die für sich gesehen im Einzelfall vielleicht auch einmal angebracht sein können, geballt und absichtsvoll als Mittel eingesetzt, um einen Mitarbeiter so sehr unter Druck zu setzen und ihm das Leben so schwer zu machen, bis er entnervt das Handtuch wirft.

Insofern bleibt bei mir aus dieser speziellen Sicht schon ein negativer Beigeschmack zurück.

Vielleicht auch, weil Arbeitnehmerrechte im Mobbing-Fall und diesbezügliche gerichtliche Entscheidungen ohnehin ein sehr schwieriges Kapitel sind …

Peter Teuschel

4 Responses
  1. Warum kündigen Menschen, die von ihrem Arbeitgeber schikaniert werden, nicht ihre Stellung? Wenn man mit seinem Arbeitgeber nicht klar kommt, ist doch jeder Arbeitstag eine Qual. Warum tun sich Menschen so etwas an?

    • Ja, warum kündigen diese Menschen nicht?
      Hier mal ein paar Vorschläge aus meiner Erfahrung:

      – Sie können es sich finanziell nicht leisten

      – Sie glauben an Gerechtigkeit

      – Sie wollen sich nicht von ihrem langjährigen Arbeitsplatz vertreiben lassen

      – Sie sind durch das Mobbing gesundheitlich so geschädigt, dass sie an einem anderen Arbeitsplatz momentan keine Leistung bringen könnten.

      Es gibt sicherlich viele Gründe, warum die eigene Kündigung nicht die beste Lösung ist, auch wenn aus medizinischer Sicht ein möglichst rasches „Aussteigen“ aus der Mobbing-Situation ratsam wäre.

      • Danke für die Antwort. Obwohl sie mich schon etwas befremdet, denn für mich entsteht der Eindruck, dass der Gemobbte die Schuld nur bei den Anderen sucht und dass er erwartet, dass sich die Anderen ändern.

        – Wenn finanzielle Gründe die Ursache dafür sind, dass man alles beim Alten lassen möchte, dann kann der Leidensdruck noch nicht groß genug sein. Sicher, Geld ist wichtig. Aber Geld ist nicht alles im Leben. Man könnte zB mal Stellenanzeigen lesen und sich bei interessanten Angeboten bewerben. Auch eine Umschulung wäre denkbar. Auch wenn man sich finanziell verschlechtert, so wäre das doch besser, als die unerträgliche derzeitige Situation.

        – Der Glauben an „Gerechtigkeit“ könnte darauf hindeuten, dass der Betroffene in einer Traumwelt lebt und die Realität mir ihren unangenehmen Seiten nicht anerkennen will. Da hilft nur eines – man muss seine Sicht auf die Welt ändern. Dann kommt man auch besser klar. Träumt man nur von der heilen Welt, dann wird man immer wieder von neuem frustriert, weil die Realität eben anders ist. Und man erkennt nicht, dass man sich selbst ändern muss. Denn man hofft immer, dass sie die Welt so ändert, dass sie dem Ideal der Heilen Welt entspricht. Doch das wird nie eintreffen.

        – Man will sich nicht von seinem langjährigen Arbeitsplatz nicht vertreiben lassen – das kann ich zwar nachvollziehen. Aber irgend etwas muss ja dazu geführt haben, dass sich das Betriebsklima geändert hat. Wenn die Chemie nicht mehr stimmt, wenn jeder Arbeitstab zur Qual wird – was nutzt dann langjährige Betriebszugehörigkeit? Dann muss man eben Abschied nehmen vom Gewohnten und etwas Neues beginnen.

        – Wenn man durch das Mobbing so gesundheitlich geschädigt ist, dass man an einem neuen Arbeitsplatz keine Leistung bringen kann, so kann man das am alten Arbeitsplatz erst recht nicht. Und das führt zunehmend zu Spannungen bei den Kollegen, denn die müssen die Arbeit ja dann für denjenigen mit erledigen. Zusätzlich zur eigenen Arbeit. Und das führt zu weiteren Spannungen. Ein Teufelskreis also. Außerdem finde ich es nicht okay, keine Leistung zu bringen und trotzdem den vollen Lohn zu kassieren.

        Alles in Allem – auch wenn es schwer fällt, so muss jeder Mensch begreifen, dass er nur sich selbst ändern kann. Andere Menschen muss man so akzeptieren, wie sie sind. Man wird sie nicht ändern. Auch nicht durch Drohungen oder Strafen.

        • Auch darauf will ich kurz antworten:

          – Ja, bei Mobbing sucht der Gemobbte die Schuld bei den Anderen – und zu Recht. Mobbing ist per definitionem ein Täter-Opfer-Geschehen. Dadurch unterscheidet es sich prinzipiell von einer ganzen Reihe anderer Arbeitsplatzkonflikte.

          – „Es gibt Wichtigeres als Geld“: Stimmt. Aber: Kennen Sie viele Menschen, die jenseits der 50 schnell einen neuen Arbeitsplatz finden? Die Erfahrung sehr vieler dieser Menschen ist, dass sie nicht mal Antwort auf die Bewerbung bekommen, geschweige denn zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Und die über 50jährigen sind statistisch gesehen besonders häufig von Mobbing betroffen.

          – Lebt jeder in einer Traumwelt, der an Gerechtigkeit glaubt? Dass man gut daran tut, die Realität anzuerkennen, das sehe ich allerdings auch so.

          – Abschied vom Arbeitsplatz und etwas Neues beginnen: tja, siehe Punkt 2

          – Voller Lohn bei Mobbing-Schädigung: Fänden Sie es denn besser, man würde kündigen, um nicht den vollen Lohn zu bekommen, nachdem man am Arbeitsplatz krank gemobbt wurde?

          Ich verstehe einige Ihrer Argumente, halte sie aber für sehr theoretisch. Die Realität der Mobbing-Opfer sieht anders aus.

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