Alles nur gelogen? „Serienmörder“ widerruft 33 Geständnisse

Thomas Quick

Schweden steht vor einem der größten Justizskandale.

Vor 18 Jahren wurde der damals 46jährige Tomas Quick wegen Mordes in acht Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Aufgrund einer bei ihm festgestellten Persönlichkeitsstörung sitzt er in einer forensisch-psychiatrischen Einrichtung ein.

Quick, der als Sture Bergwall geboren wurde, hat nach seiner Inhaftierung angegeben, insgesamt 33 Morde begangen zu haben, den ersten, als er 14 Jahre alt war.

Vor drei Jahren begann er, wie es heißt, im Rahmen einer Psychotherapie, nach und nach alle seine Geständnisse zu widerrufen. Heute sieht es so aus, als habe Quick alle genarrt: Polizei, Justiz, Gutachter.

Mehr und mehr entsteht der Eindruck, als sei ein übersteigertes Geltungsbedürfnis dafür verantwortlich, dass Quick Morde gestand, die er wohl nie begangen hat.

Das bedeutet nicht nur, dass die schwedische Justiz möglicherweise einen Unschuldigen verurteilt hat, sondern auch, dass die wahren Täter noch auf freiem Fuß sind.

Ins Rollen gebracht hat den Skandal der vor kurzem verstorbene schwedische Journalist Hannes Rastam, der für sein Buch „Wie man einen Serienmörder macht“ lange recherchiert hat und nun schwere Vorwürfe erhebt. So hätten die Ermittler Quick im Rahmen der Verhöre mit Informationen über die Morde versorgt und seine zum Teil ungenauen Kenntnisse des Tathergangs ergänzt.

Sollte dies so gewesen sein, dürfte das Vertrauen in Justiz und Polizei in Schweden nachhaltig beschädigt sein.

Aus psychiatrischer Sicht fragt man sich jetzt natürlich auch, wie so etwas möglich ist. Ulf Asgard, ein schwedischer Psychiater, hat das Verhalten Quicks als „Justizselbstmord“ bezeichnet.

Mir scheint das nicht die geeignete Formulierung zu sein. Mir stellt sich die Frage, ob nicht die mediale Hinwendung, die das Phänomen Serien- und Massenmörder in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit bringt, eine Art Anti-Held mit gehörigem Identifikationspotential schafft.
Hinzu kommen kultige Darstellungen in Krimis und Filmen. So ist beispielsweise die Figur des Hannibal Lecter durchgehend ambivalent gezeichnet, so dass durchaus auch Sympathie und Mitgefühl für diese literarische Gestalt beim Leser aufkommen. Als schriftstellerischer Kunstgriff ist das aller Ehren wert, aber es befördert den gruseligen Nimbus, der Charles Manson & Co. umgibt.

Von hier aus ist es dann nicht mehr allzu weit bis zu dem Punkt, an dem ein Thomas Quick sich selbst zum Serienmörder hochstilisiert und die öffentliche Aufmerksamkeit ihm genug narzisstischen Nachschub bringt, um dafür sogar ins Gefängnis zu gehen.

„Das enorme Echo. Das verstärkte meinen Drang zu erzählen und machte es leicht, immer weiter zu machen.“ wird Quick zitiert und: „Ich wurde jemand. Eine wichtige Person für die Ärzte und für die anderen Insassen.“

Unnötig zu erwähnen, dass ihm mit seinen jetzigen Aussagen wiederum ein mediales Echo nebst Superlativen („größter Justizskandal“) sicher ist.

Menschen mit einer Persönlichkeitsstruktur wie ich sie bei Quick vermute, ist es nicht wichtig, etwas Gutes oder etwas Schlechtes zu tun, sie wollen nur eins: Um jeden Preis im Mittelpunkt stehen.

Peter Teuschel

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